Turkiya und Mahdiya, 19. Jh.

Für die Entwicklung der Gesamtheit der südsudanesischen Völker waren die nordsudanesischen Nachbarn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von lediglich marginaler Bedeutung. Die natürlichen Barrieren wie Sudd, Wüsten und Gebirge zwischen Norden und Süden waren nur unter erheblichen Schwierigkeiten zu überwinden. Die südsudanesischen Populationen selbst standen im steten, oft kriegerischen, Kontakt zueinander. Sie bewegten sich dabei in einem einigermaßen stabilen Kräfteparallelogramm zueinander, so dass die Kultur der Dinka, Nuer, Azande und Schilluk nicht grundsätzlich gefährdet wurde. Das änderte sich innerhalb einer Generation so radikal, dass von einem bis in die jüngste Gegenwart anhaltenden “Clash of Cultures” gesprochen werden kann. In den 1820er Jahren drangen Expeditionen des formal dem osmanischen Sultan unterstehenden, über Nordsudan herrschenden Paschas von Ägypten tief nach Süden vor. Der dadurch eröffnete Weg wurde bald von europäischen Elfenbein-Händlern auf der Suche nach Profit genutzt. Weder der Elfenbeinhandel noch die osmanisch-ägyptische Expansion mit ihrer lückenhaften Verwaltung änderte den Charakter der südsudanesischen Region als ein von afrikanischen Gesellschaften dominiertes Land.Einschneidend erwies sich dagegen die mit dem Elfenbeinboom im Zusammenhang stehende Sklavenjagd, die sich schließlich als eigenständiger und wichtigster Geschäftszweig der auswärtigen Geschäftsleute etablierte. Die mit Gewehren ausgestatteten Jagdexpeditionen machten skrupellos in den Gebieten der waffentechnisch unterlegenen Dinka, Nuer und Schilluk Beute.

An die Stelle der sich auf britischen Druck hin aus dem Sklavengeschäft zurückziehenden Europäer traten in den1860er Jahren vor allem arabische Kaufleute. Noch gewalttätiger als ihre europäischen Vorgänger vorgehend sorgten sie für einen Dauerzustand der Unsicherheit und destabilisierten die ihrer Kulturgrundlagen Land und Vieh größtenteils beraubten Viehhalter- und Bauern-Gesellschaften.Mit dem Ausbruch des sudanesischen Mahdi-Aufstandes 1881 begann auch das Ende der ägyptisch-türkischen Zeit („Turkiya“) in Südsudan. Die fanatischen Anhänger des Mahdi errichteten auch in Südsudan ein islamistisches Regime („Mahdiya“) und erwiesen sich als ebensolche Sklavenjäger und Unterdrücker wie ihre Vorgänger.