Schreiben von Aleu Ayieny Aleu an Pagan Amum vom 26.1.2008

Vorbemerkung:

Im Januar 2008 schrieb der heutige südsudanesische Innenminister Aleu Ayieny Aleu, in der Übergangszeit (2005 bis 2011) zwischen Friedensabkommen und südsudanesischer Unabhängigkeit als Staatsminister im sudanesischen Innenministerium amtierend, dem damaligen SPLM-Generalsekretär Pagan Amum Okiech einen Brief. Aleu Ayieny Aleu war zusammen mit Telar Deng Ring am Anfang der Übergangszeit auf Betreiben Amuns aus der Partei ausgeschlossen worden. Beide sind später von Kiir rehabilitiert worden und gehören heute als Innenminister (Aleu Ayieny Aleu) beziehungsweise als Präsidentenberater für Rechtsfragen (Telar Ring Deng) zum inneren Führungszirkel der Regierung.

Das Schreiben von 2008 erlaubt in Bezug auf die aktuelle südsudanesische Krise bedeutsame Einblicke in innerparteiliche Spannungen, die jetzt zum Ausbruch des Konflikts mit beigetragen haben. Auch vermittelt der Brief einen interessanten, subjektiv gefärbten Eindruck von der Person des inzwischen abgesetzten und wegen Verrats vor Gericht gestellten Pagan Amum.

 

 

Brieftext (Übertragung aus dem Englischen):

Khartum, 26. Januar 2008

Betr.: Du erinnerst Dich an mich, Genosse Pagan

Geehrter Genosse Pagan Amoum Okiech,

Im Jahr 1986, wurden ich und Du, Genosse Pagan Amum, sowie einige andere Genossen, deren Namen hier nichts zur Sache tun, auf eine der renommiertesten Ausbildungsstätten für revolutionäre Studien in Lateinamerika und im karibischen Raum gesandt. Wir studierten Marxismus-Leninismus und einige weitere –ism, um Politkommissare zu werden, die nach ihrer Rückkehr einfache SPLA-Soldaten zu überzeugten Revolutionären mit Vietkong-Qualität verwandeln sollten. Zu diesem Zweck, so wurde uns erzählt, verlange der Geist des Marxismus-Leninismus eine Person, entweder einen Genossen Vorsitzenden oder einen Genossen Generalsekretär, herauszustellen und diese Person zu einer Art Superman mit quasi-göttlichen Eigenschaften umzuformen. Diese Person würde vermeintlich allwissend und allsehend sein, würde für alle denken und alles tun dürfen, einschließlich dich aus der Partei zu werfen, wenn du Glück hast, oder dich vor ein Erschießungskommando zu stellen und du würdest dich über das alles nicht beklagen, wenn du ein guter Patriot bist!

Solche Überzeugungen wurden ein Jahr lang in uns verpflanzt und dann wurde uns, außer Dir, erlaubt, zu den Schlachtfeldern zurückzukehren, um dieses Evangelium zu verbreiten. Du allerdings bliebst weitere drei Jahre, um die Weihen eines Bischofs des Dialektischen Materialismus zu erlangen. Einige Tage nach unserer Ankunft im SPLA-Hauptquartier, nutzte der stellvertretende Vorsitzende und Stabschef William Nyuon mit stillschweigender Duldung von Arok Thon Arok die Gelegenheit, dass der Vorsitzende Dr. John Garang abwesend war, und befahl die Festnahme von als progressiv bekannten Offizieren (Kommunisten) einschließlich der Neu-Kommunisten, die gerade von der Schule für Revolutionäre Studien gekommen waren. Lediglich diejenigen, die als Verwandte von Dr. John und von Salva Kiir und oder als ihnen nahestehend galten, wurden ausgenommen. Ich selbst wurde deshalb nicht verhaftet, weil sowohl William als auch Arok aus Gogrial stammen. Das ist der Ursprung dessen, was heute als „Garang Boys“ oder „Awalad John“ bekannt ist.

Die Teilnahme an dem Kult um den Vorsitzenden und die Mitglieder des High Command wurde von einer bestimmten Stufe an zur Frage der persönlichen Sicherheit und die einzige Möglichkeit, das eigene Überleben zu gewährleisten. Du musstest darauf achten, ja genügend laut die revolutionären Lieder zu singen, die dasjenige Mitglied des High Command  priesen, das du dir als Patron und Beschützer ausgesucht hast. Durch eine Reihe  von ausgesprochen schwerwiegenden Verdrehungen wurden die SPLM/A-Grundsätze pervertiert. Alle Mitglieder des High Command wetteiferten darum, in von Soldaten komponierten Lieder hochgelobt zu werden. Wirr haben uns nie völlig die praktischen Konsequenzen klargemacht, die aus diesem Personenkult folgerten. Wie viel Macht ohne Kontrolle und Begrenzung in den Händen weniger Anführer konzentriert worden ist, haben wir uns auch nie richtig vor Augen geführt, bis wir Zeugen diverser Intrigen innerhalb des High Command geworden sind. Großes Unrecht war Folge der Abkehr vom Prinzip der kollektiven Führung: Es kam zu einigen Versuchen von Mitgliedern des High Command, den Vorsitzenden abzusetzen und zu Eskalationen mit Mord oder langjährigen Inhaftierungen etlicher unserer Weggenossen.

Genosse Pagan, als ich Dein Interview in der New SudanVision vom 22. Dezember 2007 las, konnte ich nicht fassen, wie Macht das verfolgte Schaf von einst in einen bösartigen Wolf verwandeln konnte, der Salven seiner Rache-Gewehre gegen Kameraden abfeuert, die ihm nie etwas angetan haben.

Genosse Pagan, Du weißt, wer Dich dazu gezwungen hat, an der Hinrichtung Deines besten Freundes und Co-Terroristen Lakurnyang  teilzuhaben. Du weißt, von wem Du getötet werden solltest, als Du beim Jamus-Bataillon standst und wie Dr. John  Dich gerettet hat und Dich nach Bahr el Ghazal geschickt hat, weit weg von Deinen Feinden. Du weißt sehr gut, wer Dir zwischen Itang und Gambella aufgelauert hat und Dir lebenswichtige Körperteile  in Fetzen schoss und so bei Dir für nachhaltende Traumatisierungen sorgte. Dr. John musste Dich für Jahre zurück nach Kuba schicken und Du bist erst zurückgekommen, nachdem Du sicher warst, dass Deine Feinde entweder tot oder aus der Bewegung desertiert waren. Wie konntest Du all die Ungerechtigkeit vergessen, die Du erlitten hattest, nur weil Du der SPLM-Generalsekretär geworden warst?

Du solltest wirklich der letzte Mensch auf Erden sein, der gegen andere konspiriert, wenn Du Dich erinnerst, was menschlich ist und was unmenschlich.

Du hast mich an die frühen Tage der SPLM/A erinnert und da habe ich mir die Notizen wieder einmal hervorgeholt, die wir in dem Kurs gemacht haben, in dem wir zusammen über die Geschichte der kommunistischen Partei in der Sowjetunion unterrichtet worden sind. Ich war verblüfft, als ich entdeckte, dass Du den Personenkult für Dich, insbesondere bei den neu aufgenommenen Mitgliedern der SPLM, wieder eingeführt hast. Außerdem hast Du die kommunistische Praxis  von irreführender und falscher Information übernommen.

Wer hat Dir gesagt, dass ich der Verletzung von Parteisatzungen und des Versuchs, die Partei zu spalten, schuldig war? Wenn Du die Anschuldigungen gegen mich nicht kennst, wäre es besser, Du würdest schweigen und Dich darauf beschränken, Deine üblichen Lügen unter den Neuankömmlingen in der SPLM, die noch nicht wissen, was  für eine Sorte Mensch Du bist, zu verbreiten.

Die in der SPLM allggenwärtige Besorgnis betrifft die Art und Weis, wie  Du unseren arglosen SPLM-Vorsitzenden behandelst. Du behandelst ihn in gleicher Weise wie Genosse Generalsekretär Stalin den Genossen Vorsitzenden Wladimir Iljitsch Lenin behandelt hat. Als Genosse Lenin, zu spät, erkannt hatte, was für ein Ungeheuer er erschaffen hatte, schrieb er folgenden Brief an den Partei-Kongress: „Nachdem er Generalsekretär geworden war, konzentrierte Genosse Stalin in seinen Händen  unermessliche Macht und ich bin nicht sicher, ob er immer fähig sein wird, diese Macht mit der gebotenen Umsicht anzuwenden.“

Dieser Brief, ein in der Partei als „Lenins Testament“ bekanntes politisches Dokument von ungeheurer Bedeutung, stellt die Warnung für alle gutgläubigen Parteivorsitzenden dar, dass Generalsekretäre sehr gefährliche Gegenspieler in der Partei werden können. Lenin starb bald darauf an einen durch seine Enttäuschung über Genosse Generalsekretär Stalin ausgelösten Herzanfall. Stalin ist ein Bankräuber gewesen wie Du, Genosse Pagan, der du ein ehemaliger Buma Mountains-Terrorist bist (Du hast 1983 ausländische Touristen als Geiseln genommen und Lösegeld verlangt. Im selben Jahr hast Du mit Deinem Freund, dem verstorbenen Lakurnyang, die Frau des damaligen Kommandeurs der Regierungstruppen in Pibor, Major Kerubino Kuanyin Bol, entführt.).

Stalin begann sofort mit massiver Unterdrückung, die sich zunächst gegen  fälschlicherweise als Feinde des Leninismus gebrandmarkte Genossen – Trotzkisten, Sinowjewisten, Bucharinisten – richtete. Er wandte sich auch gegen verdiente Kommunisten und diejenigen Kader, die die schwere Last des Bürgerkriegs getragen hatten.

Stalin entwickelte das Konzept vom „Feind des Volkes“, ein Konzept, das mich daran erinnert, wie Du Deine Gegner als „Jalab baaw“ oder „NCP sell out“ abgestempelt hast. Diese Etikettierung machte es überflüssig, bei solchermaßen gebrandmarkten, unter Anklage stehenden Genossen deren Schuld beweisen zu müssen. Die Brandmarkung machte bei Verletzung aller Normen der Partei-Gesetzlichkeit die Anwendung von äußerst brutaler Unterdrückung gegen diejenigen möglich, die lediglich im Verdacht standen, in irgendeiner Hinsicht nicht mit Stalin konform zu sein, feindliche Absichten zu verfolgen oder gegen die Parteidisziplin verstoßen zu haben. Zwischen 1937 und 1938 wurden 70 % der Mitglieder des ZKs verhaftet und erschossen. Dasselbe Schicksal ereilte die Delegierten des XVII. Partei-Kongresses. Von 1.966 Abgeordneten wurden 1.108 unter dem Vorwurf  konterrevolutionärer Verbrechen unter Anklage gestellt.  Stalin befahl den Mord an Sergeij M. Kirow und diffamierte verdiente Genossen, die er liquidieren wollte. Etliche Genossen wurden ermordet und die restlichen wurden unter eklatanter Missachtung der Partei-Statuten aus der Partei  entfernt. Die Fragen der Hinrichtungen und Parteiausschlüsse waren nie Gegenstand bei ZK-Beratungen. Nach Stalins Tod wurden die Fälle der angeblichen „Feinde des Volkes“ wieder aufgerollt und es stellte sich heraus, dass alle Vorwürfe konstruiert gewesen waren.

Genosse, nichts ist schlimmer als von der Bewegung, der man sein halbes Leben geweiht hat und für deren Prinzipien man sein Blut vergossen hat, verfolgt und angeklagt zu werden.

Ich möchte Dich nicht mit der Geschichte von Stalins Herrschaft langweilen, aber sie dient zur Klarstellung für meinen durch Dich, Generalsekretär, veranlassten SPLM-Ausschluss, der mit meiner Vermutung, dass es Unstimmigkeiten beim schicksalhaften Tod unseres Gründers und Führers der SPLM/A gegeben hat, begründet worden ist. Das ist aber nicht der Grund, Genosse Pagan. Du weißt genau, dass es keinen anderen so gut im Marxismus-Leninismus geschulten nichtkommunistischen SPLM-Kader gibt, der Dich und Deine stalinistischen Machenschaften so genau durchschaut wie ich. Genosse Pagan, Du wünscht micht tot, weil ich der einzige Mensch bin, der Dich als ehemaligen Terroristen (Entführer und Lösegelderpresser) und als Kommunist, der sich heuchlerisch mit dem US-Establishment ins Bett legt,  entlarven könnte. Du weißt auch, dass mir bewusst ist, dass die sudanesische KP alle ihre Parteibuchinhaber, Dich eingeschlossen, zurückgerufen hat. Natürlich weiß niemand außer mir, dass Du all die Jahre, die Du in Kuba warst, in Havanna sowohl für die SPLM als auch für die sudanesische KP tätig warst. Abgesehenvom bereits oben Gesagten ist der wichtigste fundamentale Unterscheid zwischen mir und Dir, dass Du an den New Sudan glaubst und ich ein schlichter südsudanesischer Nationalist bin, der hart kämpft und sein Leben dem Kampf für das Volk des Südsudan und der Erringung des Selbstbestimmungsrechts für dieses Volk geweiht hat.

Bei der letzten INC-Sitzung hab ich freimütig in Deiner Gegenwart meinen Standpunkt klar gemacht, dass ich für die Abschaffung der Position des Generalsekretärs bin, weil ich gefährliche Tendenzen zum Stalinismus feststellen konnte und man sollte deshalb den Anfängen wehren, bevor es zu spät sei. Dir gelang es, den Vorsitzenden in Deinem Sinne beeinflussen zu können.  Meine folgende, angeblich dauerhafte – und in gleicher Weise auch Genosse Talar Ring Deng betreffende – Parteisperre ist der Anfang Deines Stalinismus und der Beginn der Terror-Herrschaft in der SPLM. Einige Tage später gelang es Dir erneut, den Vorsitzenden so zu manipulieren, dass er den gewählten Vertreter des SPLM-Caucus in der Nationalversammlung, Genosse Monoah Aligo, ohne offensichtlichen  Grund von seinem Posten ablöste. Diese illegalen Entlassungen von hochrangigen Mitgliedern der SPLM durch den Vorsitzenden veranlassten den Gouverneur von Western Equatoria State, Samuel Abu John, seinerseits fünf Abgeordnete der State Assemby zu entlassen! (Gott schütze die SPLM.)

Genosse, ich habe als Befreiungskämpfer immer gewusst, dass der Befreiungskrieg alles für einen wahren Revolutionär alles ist und das Ende nichts. Die Früchte vom Baum der Freiheit werden üblicherweise von Feiglingen und Opportunisten verzehrt. Es stellt ein Unglück dar, dass ich in interne Grabenkämpfe hinabgezogen wurde, nachdem der Krieg, dem ich so viel geopfert habe, sein Ende gefunden hatte.  Ich warne euch Kommunisten, die ihr hinter meiner ungerechtfertigten Demütigung steckt, dass ich diese Beleidigung weder so hinnehmen werde noch die Absicht habe, erst postum entlastet, entschuldigt und rehabilitiert zu werden. Wer immer auch Menschen gegen ihren Willen in eine Ecke oder in ein falsches Lager zu drängen versucht, tut da auf eigene Gefahr und auf Gefahr der SPLM.

Meine lieben Bolschewiken, ihr habt eure erste Schlacht mit Hilfe des gutgläubigen, gegenn eure Einflüsterungen nicht immunen Vorsitzenden der SPLM  gewonnen. Ihr sollte euch um einen Plan B sorgen, denn ich habe die starke Vorahnung, das eure Tage dank Genosse Malik Agar gezählt sind. Sein Hirngespinst von einer Konföderation ist die Spitze eurer großen Verschwörung gegen die Wünsche des Volkes im Südsudan.

ICH RUFE ALLE NATIONALISTEN GEGEN DIE BOLSCHEWISTISCHEN VERBRECHER ZU DEN WAFFEN.