Frühe historische Entwicklung

Ähnlich wie (Nord)sudan war und ist die Bevölkerung Südsudans von ethnischer Vielfalt gekennzeichnet. Sie ist vor allem das Ergebnis von großen Einwanderungswellen aus dem Norden und dem Süden, die die – bisher wenig erforschte – Urbevölkerung verdrängten beziehungsweise überlagerten. Üblicherweise werden die südsudanesischen Ethniennach linguistischen Gesichtspunkten in Großgruppen eingeteilt. Dabei bleibt aber der Hinweis  unerlässlich, dass Gemeinsamkeiten in der Sprache nicht unbedingt auch sonstige kulturelle Verbundenheiten bedingen.

Die Südsudanesen gliedern sich nach Sprachfamilien vor allem in Angehörige nilo-saharanischer Sprachfamilien (Niloten und Nilo-Hamiten) und Angehörige der Adamawa-Ubangi-Untergruppe innerhalb der Kongo-Niger-Sprachfamilie. Die ursprünglich Ackerbau treibenden Niloten und Nilo-Hamiten drangen etwa vor 2000 Jahren allmählich von Nordsudan und Äthiopien nach Süden vor. Sie ließen sich schließlich in einer relativ kleinen Region im zentralen Bahr el Ghazal-Gebiet nieder. Hier veränderten sie ihre bisherige sesshafte Feldwirtschaft Anfang des 2. Jahrtausends zur nomadischen beziehungsweise halbnomadischen Viehwirtschaft, zum Teil kombiniert mit Landbau und Fischfang.

Die neue, Religion und sonstige kulturelle Erscheinungen entscheidend prägende, Wirtschaftsform benötigte mehr Raum. Ein Bevölkerungs-Kern, aus dem sich schließlich die Völker der kulturell nahe verwandten Dinka und Nuer bildeten, blieb im Kernland beziehungsweise besiedelte seit dem 15. Jahrhundert die östlich und nördlich davon gelegenen sumpfigen Landschaften. Andere Gruppen stießen südwärts nach Equatoria und ins Zwischenseengebiet vor. Zu den wichtigsten dieser Völker gehören die Bari und Latuko.

Die zu den Niloten zählenden Schilluk, die sich am Oberlauf des Weißen Nils niederließen, spielen in der südsudanesischen Ethnographie eine Sonderrolle. Sie gelten als einzige nilotische Gruppe, die nicht als lose Föderation segmentärer Gruppen charakterisiert wird, sondern eine ausgebildete staatsähnliche Organisation – mit einem sakralen König an der Spitze – ausbildete. Neben und zwischen diesen Völkern siedelten eine Vielzahl kleinerer weiterer Ethnien.

Im Grenzgebiet zur Zentralafrikanischen Republik und zur Demokratischen Republik Kongo leben eine Reihe von Ethnien, deren Angehörige zur Adamawa-Ubangi-Untergruppe innerhalb der Kongo-Niger-Sprachfamilie zählen und damit in Südsudan eine linguistische Außenseiterrolle spielen. Zahlenmäßig am bedeutendsten ist davon das Bauernvolk der Azande. Kriegerische Azande-Clans waren im frühen 16. Jahrhundert in den Südwesten Südsudans eingedrungen. Im 18. Jahrhundert errichtete die militärisch straff organisierte Avungara-Militäraristokratie ein Reich, das sowohl die verschiedenen Azande-Stämme unter einer Führung einte als auch andere Ethnien wie die Bongo, Madi und Mundu unterwarf. Das Avangura-Reich zerfiel zwar bald nach dem Tod seines Gründers, König Gura (um 1755-1780), die Nachfolgekleinkönigreiche waren aber stark genug, um bis ins 20. Jahrhundert die dominierende politische Kraft im Grenzgebiet von Sudan, Kongo und Zentralafrika zu sein.