Ethnienlexikon

Acholi/Avukaya/Azande/Bari proper/Bongo/Didinga/Dinka/Kuku/Madi/Manduru/ Moru/Murle/Nuer/Shilluk

Acholi

Von den etwa 700.000 bis 1.000.000 Angehörigen der nilotischen Ethnie der Acholi leben ungefähr 40.000 in East Equatoria

Die Acholi sprechen eine zur Luo-Gruppe zählende westnilotische Sprache. Die Acholi sind eng mit Lango, Alur, Luo und Schilluk verwandt. Andere Namen für die Acholi sind unter anderem Acoli, Atscholi, Asjob, Gan, Gang, Makuschuru und Shuli. Das ungefähr 30.000 qkm großes Acholi-Siedlungsgebiet an den Hängen und in den Tälern der Imatong-Berge und der Acholi Hills liegt vor allem in Norduganda („Acholiland“) sowie zum kleineren Teil auch nördlich der Grenze im südsudanesischen State East Equatoria, insbesondere im County Magwi (Magwe). Im Acholi-Gebiet werden Bodenschätze wie Gold und Chromit vermutet. Die Acholi in Südsudan nennen sich gelegentlich auch „Doc Acoli“, um sich so von den zu den „Log Acoli“ in Uganda zu unterscheiden.

Die wohl prominentesten Acholi sind der ugandische Dichter Okot p’Bitek (1931–1982) („Song of Lawino“) und der Anführer der ugandischen Rebellenorganisation LRA (Lord´s Resistance Army) Joseph Kony (geb. ca. 1960).Die Acholi sind vornehmlich Bauern, die auf Gemeinschaftsflächen sowohl Acker- wie auch Viehwirtschaft (Rinder, Schafe, Ziegen) treiben. Sie gelten als geschickte Jäger und Fischer. Viele Acholi sind in den Militär- oder Polizeidienst eingetreten.

Einer Überlieferung nach sollen die Vorfahren der heutigen Acholi vor etwa 500 Jahren von Norden aus dem Bahr al Ghazal-Gebiet ins Acholiland eingewandert sein. Möglicherweise geht das Volk der Acholi auf die Verbindung von Volksgruppen der nilo-saharanische Sprachen sprechenden Ethnien Madi und Luo zurück. Traditionell wird die Acholi-Gesellschaft von durch Clan-Chiefs (Rwot, pl. Rwodi) geführte, patrilinear ausgerichtete, als Dorfgemeinschaften organisierte Sozialverbände bestimmt. Eine alle Acholi verbindende Zentralinstanz fehlt. Die Acholi-Kultur ist bekannt für ihre große Bandbreite an Tänzen. Heute sind die meisten Acholi getaufte Christen oder gehören dem Islam an, dennoch spielt die ursprüngliche Acholi-Religion mit dem Hauptgott Jok (Juak) und einem ausgeprägten Ahnen-Kult weiterhin eine erhebliche Rolle. Insbesondere seit 2006 werden die südsudanesischen Acholi verstärkt Opfer der seit über 20 Jahre Acholiland und dessen Grenzgebiete terrorisierenden, zeitweise von der sudanesischen Regierung unterstützten LRA.

 

Avukaya

Etwa 50.000 Menschen zählende, vor allem im Western Equatoria beheimatete nichtnilotische Ethnie

Die meisten Avukaya leben in den Bezirken von Yei und Maridi in Western Equatoria in den Grenzgebieten zu Uganda und zur Demokratischen Republik Kongo. Kleinere Gruppen von Avukaya, zum Teil Bürgerkriegsflüchtlinge, sind auch jenseits der Grenzen in den Nachbarstaaten ansässig. Traditionell wirtschaften die in kleinen Dörfern und auf Einzelgehöften lebenden Avukaya als Subsistenz-Bauern. Auf den Böden der durch Regenwaldgebiete geprägten Avukaya-Heimat wird vor allem Mais, Kassava, Telebun (Fingerhirse), Yams und Obst angebaut. Von gewisser ökonomischer Bedeutung ist auch die Verwertung von Edelholz wie Teak.

Die Sprache der Avukaya ist eng mit der Azande-Sprache verwandt. Auch kulturell stehen sich beide Ethnien nahe. So sind Teile der das soziale Leben bestimmenden, auf Magieglauben und Tier-Totem-Vorstellungen basierenden spirituellen Überzeugungen von Avukaya und Azande gleich. Wie bei den Azande werden junge Männer bei den Avukuya beschnitten. Heute sind viele Avukaya ganz oder teilweise christianisiert. Die Avukaya pflegen eine reiche Lied- und Tanzkultur und gelten auch bei Herstellung von künstlerischen und handwerklichen Sachobjekten wie Flechtkörben, Waffen und Werkzeugen als herausragend. Mit ihren direkten Nachbar-Ethnien Moru, Pöjulu und Mundu leben die Avukaya in friedfertiger Koexistenz.

 

Azande

Ethnie in Südwest-Südsudan

Das etwa ein bis zwei Millionen Menschen zählende Volk der Azande (auch: Zande, A-Zandeh oder Sande genannt) lebt im Grenzbereich von Demokratischer Republik Kongo, Zentralafrikanischer Republik und Südsudan. In Südsudan sind Azande vor allem in den regenwaldreichen Distrikten von Western Equatoria State (WES), ferner in Western Bahr al Ghazal, beheimatet. Mit schätzungsweise 350.000 Menschen stellen die südsudanesischen Azande nach Dinka und Nuer die drittgrößte Ethnie ihres Landes.

Die Bezeichnung „Azande“ bedeutet in etwa „Menschen, die viel Land besitzen“ und soll wahrscheinlich auf die Geschichte der Azande als Eroberervolk hinweisen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Anlehung an eine angebliche Dinka-Bezeichnung für die Azande die Benennung „Niam-Niam“ („Vielesser“)  durch Berichte des Sudan-Reisenden Georg August Schweinfurth als Bezeichnung für das Azande-Volk in Europa und Nordamerika populär. „Niam-Niam“ gilt heute wegen der Verbindung zur um 1900 aufgestellten Behauptung, Azande seien Kannibalen, als pejorativ.

Das von den Azande gesprochene Zande-Nzakara gehört zur großen Gruppe der Niger-Kongo-Sprachen, zu denen auch die Bantu-Sprachen gezählt werden.

Die traditionelle Wirtschaft der vor allem als Kleinbauern lebenden Azande basiert zum überwiegenden Teil auf den Anbau von Mais, Maniok, Süßkartoffeln und anderen Feldfrüchten sowie der Haltung von Geflügel und Kleinvieh. Daneben wird auch Fischerei, Holzschlag und Jagd betrieben. Azande gelten als geschickte Handwerker. Neben der Subsistenz-Ökonomie werden Feldfrüchte und Baumwolle im größeren Umfang als Handelsgut angebaut und verarbeitet. Diese Überschussproduktion an Agrarprodukten stellt einen wichtigen Faktor bei der Versorgung der gesamtsüdsudaneisischen Bevölkerung dar.

Die meisten Azande sind Anhänger eines Stammesglaubens. Magie („Mangu“) und Orakel spielen eine bedeutende Rolle bei diesen Glaubensvorstellungen. Viele Azande sind Anhänger christlicher Konfessionen, pflegen aber in der Regel weiter Elemente ihrer traditionellen Religion.

Wahrscheinlich im 17. Jahrhundert sind kriegerische und straff organisierte Azande-Gruppn  aus dem Kongo-Gebiet in den Südwesten Südsudans vorgedrungen und haben die dort lebenden Stämme vertrieben oder unterworfen. Die Azande formten hierarchisch strukturierte Fürstentümer aus. Die Kriegeradelsschicht dieser Reiche bildeten die königlichen Clans („Avungara“), die sich bei ihrer Abstammung auf den legendären König Gbudwe beriefen. Der berühmteste Azande-Fürst war Yambio, der sein Fürstentum von 1860 bis zu seinem Tod 1905 gegen arabische Sklavenhändler sowie belgische und britische Kolonialtruppen verteidigte. Nach der Unterwerfung durch die Briten wurden die Azande-Fürsten als Chiefs in das „Indirect Rule“-System eingegliedert.

 

Bari proper

Etwa 70.000 Menschen zählende nilotische Ethnie, im Juba County in Central Equatoria beheimatet

Die Zuordnung eines Southerners zum Volk der Bari kann schwierig sein, da es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bari-Gruppen oft an allgemein verbindlichen definitorischen Abgrenzungskriterien fehlt. Zudem wird der Begriff „Bari“ mehrdeutig verwendet. Im weitesten Sinne umfasst der Begriff alle die ostnilotische Sprache Bari als Erstsprache sprechenden Südsudanesen (etwa 400.000 bis 500.000 Menschen). Im engsten Sinn gelten nur die ursprünglichen Bewohner der die Großstadt Juba sowie die Orte Gondokoro und Rejaaf einschließenden Savannen-Region an den Ufern des „Bahr al Dschabal“ genannten Nil-Abschnitts in Central Equatoria als Bari. Diese auch „Bari proper“ („eigentliche Bari“) genannten Bari-Sprecher setzen sich von anderen Bari-sprechende Gruppen wie Pojullu, Kakwa, Kuku, Nyambara und Mandari (Mundari) ab. Die Bari proper selbst unterteilen sich nach geographischen Gesichtspunkten in Bari ti lobot („nördliche Bari“) und Bari ti loki („südliche Bari“).

Traditionell sind die Bari proper sesshafte, vornehmlich Subsistenzwirtschaft treibende Ackerbauern. Rinder- und Kleinviehhaltung spielen eine nicht unerhebliche wirtschaftliche und sozio-kulturelle Rolle bei den Bari. Insbesondere im Zusammenhang mit der üblicherweise in Vieh zu zahlenden, aufwendigen Mitgift der Braut sind Rinder, Schafe und Ziegen von erheblicher Bedeutung für die Bari. Allerdings spielt Vieh in sozio-kulturellen Kontext bei den Bari nicht eine so große Bedeutung wie bei den Dinka und Nuer.

Die Hochzeit mit einer wohlhabenden Braut kann den sozialen Aufstieg ärmerer Bräutigame bedeuten. Im Selbstbild und auch in der Außenwahrnehmung gelten Bari als vorwiegend friedliebend, sozial angepasst und familienbezogen. Die Bari-Religion ist auf einen Zentralgott bezogen und schließt Naturgeistelemente mit ein. Zahlreiche Bari sind Anhänger des Islam oder christlicher Konfessionen. Die traditionelle Bari-Gesellschaft ist sowohl in Altersgruppen als auch in Gesellschaftsschichten sowie nach Familienverbands- und Clan-Zugehörigkeit aufgeteilt. Neben den Dupi (Knechten) gibt es die „Lui“ genannten Freien, zu denen Großbauern und Lokal-Chiefs gehören. Eine zentrale Exekutiv- oder Legislativinstanz kennen die Bari ebenso wenig wie eine staatliche Eigentradition.

Die Bari haben im Laufe ihrer Geschichte oft unter den Angriffen ihrer Nachbarn und unter Raubzügen von türkischen und arabischen Sklavenhändlern gelitten. Von 1894 bis 1910 gehörte das Bariland als Teil der Lado-Enklave zum belgisch dominierten Kongo-Freistaat und wurde in dieser Zeit besonders stark von Zwangsarbeit und Versklavung betroffen. Während der nach der Unabhängigkeit des Sudans tobenden Bürgerkriege sind viele Bari aus ihrer Heimat geflohen.

 

Bongo

Etwa 5000 Menschen starke Ethnie, die heute vor allem in Western Bahr al Ghazal und Warrap ansässig ist.

Die eine zentralsudanesische Sprache sprechenden Bongo (Bungu) bildeten noch im 19. Jahrhundert eine zahlenmäßig große Ethnie in der Bahr al Ghazal–Region und im Nordkongo. Konflikte mit ihren Nachbarn wie den Azande, aber vor allem die Raubzüge europäischer und arabischer Sklavenhändler sowie die Auswirkungen der beiden Bürgerkriege haben das Volk der Bongo drastisch verkleinert. Die meisten Bongo leben heute im State Warap und in der Umgebung von Wau in Western Bahr al Ghazal.

Die Spiritualität der Bongo mit dem Schöpfergott Loma im Mittelpunkt ihrer religiösen Vorstellungen basiert zum großen Teil auf Zauberglauben. Die Bongo sind bekannt für ihr handwerkliches Geschick bei Flechtarbeiten und für ihre Holzschnitzkunst. Die von Bongo-Schnitzern als Grabdenkmäler für wichtige Persönlichkeiten ihres Volkes geschaffenen beeindruckenden Holzstatuen („Ngya“) sind in der Kunstwelt berühmt. Die traditionell vor allem von Ackerbau und Jagd sowie früher auch vom Eisenhandwerk lebenden und in verstreuten Einzelgehöften oder Weilern wohnenden Bongo haben lediglich lose soziale Kontakte oberhalb der Familienebenen. Dementsprechend haben Bongo-Chiefs nur geringe Machtbefugnisse. Der niedrige politische Organisationsgrad der Bongo gilt als ein Hauptgrund, warum sie ihren Feinden in der Vergangenheit unterlegen gewesen waren. Heute sehen sich die Bongo an den Rand der südsudanesischen Gesellschaft gedrängt und sind als eigenständiges Volk ernsthaft vom Aussterben bedroht.

 

Didinga

Etwa 50.000 Menschen zählende, in East Equatoria ansässige Ethnie

Die Didinga leben in den Wald-Gebieten der Didinga Hills im Budi County/East Equatoria. Die Didinga-Sprache gehört zur in Südsudan fast ausschließlich von den Didinga und den mit ihnen eng verwandten Boya (Buya), Tenet und Murle gesprochenen Murle-Didinga-Sprachfamilie.

Möglicherweise sind die Didinga vor etwa 200 bis 400 Jahren, damals wahrscheinlich noch in Stammeseinheit mit Boya und Murle, von Südwest-Äthiopien oder aus der Turkanasee-Region in ihr heutiges Siedlungsgebiet eingewandert. Die meisten Didinga leben von Ackerbau und Viehhaltung. Rinderhaltung ist insbesondere aus Prestigegründen von Bedeutung. Daneben spielt Goldgewinnung eine zunehmend wachsende ökonomische Rolle im Didingaland. In den Didinga Hills werden auch reiche Edelstein- und Marmorvorkommen vermutet.

Die Didinga sind in zwei Hauptgruppen unterteilt: Eastern Didinga mit den Untergruppen Bokorora, Laudo und Marukoiyan sowie Western Didinga mit Patalado, Thuguro, Kademakuch, Lakorechoke und Lomongle. Die auch heute noch weitgehend intakte, von Clan- und Lineage-Traditionen geprägte Sozialstruktur der Didinga kennt keine zentrale administrative Instanz. Der in Erbgang bestimmte Paramount Chief der Didinga hat vor allem repräsentative Funktionen. Die lokalen Chiefs haben nur in Krisenzeiten Befehlskompetenz, ansonsten werden die Angelegenheiten der Didinga-Gruppen gemeinschaftlich beraten und geregelt.

In der Regel üben die Didinga eine Religion mit der Vorstellung eines obersten göttlichen Wesens und zahlreicher mit den Lebenden in Interaktion stehenden Naturgeistern und Ahnen aus. Der letzte Bürgerkrieg zwang zahlreiche Didinga zur Flucht nach Uganda oder nach Kenia. Einige Hundert Didinga-Waisen aus dem kenianischen Flüchtlingslager Kakuma kamen als „Lost Boys“ in die USA. Mittlerweile sind die meisten Didinga in ihre Heimat zurückgekehrt.

 

Dinka

Größte südsudanesische Ethnie

Die nilotischen Dinka bilden vor Nuer, Schilluk und Azande die größte südsudanesische Ethnie. Dem Dinka-Volk gehören nach Schätzungen zwischen zwei und drei Millionen Menschen an. Die Eigenbezeichnungen der Dinka („Jieng“ beziehungsweise „Muony-Jiang“) bedeuten „Menschen“. Die meisten Dinka leben in den Regionen Bahr al Ghazal, Western Equatoria und Upper Nile sowie im zur Republik Sudan zählenden South Kurdufan. Diese drei Hauptsiedlungsräume sind insgesamt etwa 300.000 qkm groß und stellenweise durch mehrheitlich von anderen Ethnien besiedelten Gebieten voneinander getrennt. Die Dinka sind in etwa 25, sich durch Idiome und Kulturtraditionen unterscheidende Großgruppen aufgeteilt.

Wahrscheinlich hat sich die Dinka-Kultur im Zentralsudan entwickelt. Dürre oder Konflikte mit Nachbarn könnten die Gründe dafür gewesen sein, dass es zu im 13. Jahrhundert beginnenden und im 18. Jahrhundert beendeten Wanderungsbewegungen in die heutigen Siedlungsgebiete gekommen ist. Die Dinka betreiben traditionell eine gemischte, häufig halbnomadische Agrarform der Subsistenzwirtschaft. Zentrale ökonomische und vor allem kulturelle und soziale Bedeutung hat die Rinderhaltung. Dinka haben keine monarchischen Herrschaftsstrukturen entwickelt, bilden aber dennoch keine egalitäre Sozialordnung. Bestimmte Clans („Meister des Fischspeers“) haben auf Grund religiös-mythologischer Traditionen mit politischem Einfluss verbundene Sonderpositionen inne. Die traditionelle Familienstruktur ist streng patriarchalisch. Rinderhalter gelten als der oberen Schicht angehörend.

Die Dinka-Religion ist auf den gleichsam entrückten wie allgegenwärtigen Schöpfergott Nhialic ausgerichtet, dem eine Reihe von weiteren Gottheiten (Deng, Abuk, Garang) zugeordnet ist. Etwa ein Zehntel der Dinka bekennt sich zum Christentum. Die Anzahl der muslimischen Dinka ist wesentlich kleiner. Innerhalb des Machtgefüges in der multiethnischen Republik Südsudan nehmen die Dinka eine besondere Stellung ein. Unter anderem wegen ihres überproportionalen Anteils an den Kämpfen der vergangenen Kriege und ihres numerischen Übergewichts in der Gesamtbevölkerung nehmen sie, wie Präsident Salva Kiir Mayardit und etliche seiner Minister, viele der politisch entscheidenden Positionen ein.

 

Kuku

Zur Bari-Gruppe gehörende Ethnie

Die vor allem im Gebiet um die nahe der Grenze zu Uganda liegenden Stadt Kajo Keji im äußersten Südosten Südsudans heimischen Kuku gehören wie unter anderem Bari proper, Kakwa und Pöjullu zur durch gemeinsame Sprache und Kulturelemente verbundenen Bari-Gruppe. Einige kleinere Kuku-Gemeinschaften leben jenseits der Grenze in Uganda.

Die traditionelle Wirtschaftsform der etwa 30.000 Kuku ist Agropastoralismus mit Schwergewicht auf Ackerbau (vor allem Sorghum/Dura, Mais, Süßkartoffeln). Daneben gehören zu einem Kuku-Haushalt regelmäßig einige Rinder, Schafe oder Ziegen. Der Speiseplan wird durch Honig und  gemeinsam mit Pfeil und Bogen oder Netzen erjagtes Wild ergänzt.

Die Kuku sind berühmt  für ihre ausgeprägte Sangeskultur sowie für ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten.

Amerikanische Besucher sind stets überrascht, wenn sie Kuku bei der Ausübung ihres Lieblingssports beobachten: Das mit einem Schlagstock und einer Hartfrucht als Ball gespielte Wuri entspricht fast exakt dem nordamerikanischen Baseball.

 

Madi

Etwa 300.000 Menschen zählende, zum Teil in Südsudan beheimatete nicht-nilotische Ethnie

Die meisten der das zu den Zentralsudansprachen gerechnete Madi sprechenden Madi leben in den nordugandischen Distrikten Adjumani und Moyo. Eine relativ kleine Madi-Gruppe von 25.000 bis 50.000 Menschen ist in Südsudan, insbesondere im County Magwi (Magwe) in East Equatoria zuhause. Prominente Madi sind General Joseph Lagu (geb.1931), Mitbegründer der Anya-Nya, sudanesischer Vize-Präsident (1982 – 1985) und Berater von Südsudans Präsident Salva Kiir, sowie die Universitätsdozentin und ehemalige Ministerin Dr. Anne Itto Leonardo, eine der profiliertesten und populärsten SPLM-Politikerinnen.

Die Madi sind vor allem Getreide, Erdnüsse und Gemüse kultivierende Ackerbauern. Die Haltung von Rindern, Schafen und Ziegen ist üblich, spielt aber wirtschaftlich keine primäre Rolle. Der größte Teil der landwirtschaftlichen Produkte wird zum Eigenverbrauch angebaut. Im südsudanesischen Teil des Madi-Landes hat Tabak eine gewisse Bedeutung als für den Verkauf bestimmtes Agraprodukt erlangt. In der Umgebung von Nimule wird von den Madi intensiv Fischfang im Nil betrieben.

Im Mittelpunkt der stark naturreligiös und ahnenkultisch ausgerichteten Madi-Religion steht der Schöpfungsgott Rabanga (Rubanga), der als die Verkörperung der Leben spendenden Erde gilt. Heute sind die meisten Madi Christen, vor allem römisch-katholischer Ausrichtung; eine Minderheit bekennt sich zum Islam. Allerdings werden auch von vielen Madi-Christen und –muslimen Elemente der traditionellen Religion weiter beachtet.

An der Spitze der in Dörfer und Clans organisierten Madi-Gemeinschaften steht traditionell ein durch Erbfolge bestimmter Chief („Opi“), der sowohl weltlich-obrigkeitliche als auch spirituelle Aufgaben wahrnimmt beziehungsweise wahrnahm. Heute ist die Bedeutung der Chiefs reduziert. Die Herkunft der Madi ist ungeklärt. Nach einer Überlieferung sollen die ersten Madi aus Nigeria eingewandert sein. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Madi im 15. bis zum 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit Nord-Süd-Wanderungsbewegungen aus Bahr al Ghazal in ihr heutiges Heimatgebiet gekommen sind. Die Madi konnten ihr Siedlungsgebiet in den Folgezeiten in Konkurrenz zu Nachbarvölkern wie Bari und Acholi behaupten. Ähnlich wie die anderen Ethnien in der Region hatten sie im 19. Jahrhundert erheblich unter den Auswirkungen des von Arabern dominierten Sklavenhandels zu leiden. In der Zeit der Zugehörigkeit des Madi-Landes zur belgisch-kongolesischen Lado-Enklave (1894-1910) war die Bevölkerung besonders schweren Repressalien ausgesetzt. Nach der Konsolidierung der auf die belgische Herrschaft folgenden anglo-ägyptischen Verwaltung wurden die traditionellen Chiefs der Madi nach aus britischer Sicht bewährtem Vorbild in den Mittelbau der Kolonialverwaltung integriert. Die Briten setzten nach dem Ersten Weltkrieg einen für die gesamte Madi-Gesellschaft verantwortlichen Chief ein und schufen so erstmals in der Geschichte der Madi eine die gesamte Ethnie umfassende Zentralinstanz.

Von den Auswirkungen des Ersten Bürgerkriegs (1955-1972) blieb das Madi-Land weitgehend unbehelligt. Anders im 1983 bis 2005 tobenden Zweiten Bürgerkrieg. Madi-Land war Kriegszone. Zahlreiche Madi-Dörfer wurde geplündert und Madi kämpften im Zweiten Bürgerkrieg auf beiden Seiten. Viele Madi flohen damals nach Uganda.

 

Manduru

Kleinere nilotische Ethnie in Central Equatoria

Die eigentliche Heimat des etwa 100.000 Menschen zählenden Mundari-Volkes ist das etwa etwa 80 km nördlich von Juba liegende verwaltungsmäßig ein nach dem Hauptort benanntes County bildende Terekeka-Gebiet. Das sich beidseitig des Weißen Nils entlangziehende Mundari-Land wird wegen seiner zentralen geografischen Lage bisweilen auch „Herz von Afrika“ genannt. Nachbarvölker der Mundari sind Dinka-Gruppen im Norden und Osten, Moro im Westen sowie Nyangwara und Bari im Süden. Mit den im Norden angrenzenden Bor-Dinka gibt es regelmäßig, nicht selten mit erheblicher Waffengewalt ausgetragene Streitigkeiten im Zusammenhang mit Viehdiebstählen.

Traditionelle Kultur und Religionsausübung der Fischfang und Feldbau (Sorghum, Mais, Erdnüsse, u.a.) betreibenden Mundari sind wesentlich von der Rinderhaltung geprägt. Typisch für die physische Erscheinung der wie andere Niloten auch zumeist auffallend großen und schlanken Mundari sind die prägnanten, ein angedeutetes V bildenden, mehrreihigen Schmucknarben auf der Stirn. Die Mundari sind bekannt für ihre ausgeprägte Großzügigkeit: Mit Verwandten oder Gästen zu teilen, gilt bei den Mundari als sozial unbedingt geförderte Tugend.

Die sich in mehrere Untergruppen teilenden Mundari sprechen das zur Bari-Sprachen-Gruppe zählende ostnilotische Kutak an mundari. Politisch sind die Mundart in vor allem durch Verwandtschaftsbeziehungen bestimmte, auf dynastischen Linien gründende Dorf-Häuptlingschaften organisiert. Im Zweiten Bürgerkrieg (1983 bis 2005) war das Mundari-Land Schauplatz großer Verwüstungen und Fluchtbewegungen. Die Mundari haben sich in ihrer Mehrheit damals regierungsloyal gezeigt. Deswegen wird ihnen von Seiten mancher SPLM/A-Offizieller noch heute oft Misstrauen entgegengebracht.

 

Moru

Ungefähr 100.000 Menschen zählende nichtnilotische Ethnie in Western Equatoria

Die Moru (Moro) leben vor allem in den Counties Mundri und Maridi in Western Equatoria. Die eine zentralsudanesische Sprache sprechenden Moru betreiben in den Regenwaldgebieten ihrer Heimatregion vor allem Feldwirtschaft für den Eigenbedarf. Hauptanbaupflanzen sind Sorghum, Mais, Kassava und Bohnen. Außerdem wird Obst kultiviert und Kaffee als cash crop angebaut sowie Mahagoni – und Ebenholz in den Wäldern geschlagen sowie gemeinschaftlich gejagt, gefischt und im Wald gesammelt. Viehhaltung wird in bescheidenem Umfang betrieben. Die Moru haben zahlreiche hervorragende Handwerker und Künstler hervorgebracht.

Die ursprüngliche Heimat der Moru ist unbekannt. Möglicherweise sind die Vorfahren der südsudanesischen Moru vor einigen Jahrhunderten aus Westafrika eingewandert. Die dialektreiche Sprache der Moru ist verwandt mit den Sprachen der Madi und Avukaya Die Grundeinstellung der Moru ist auf die Begründung und Sicherung von Harmonie ausgerichtet. Als Werte sind Respekt vor Anderen, Fleiß und Würde von herausragender Bedeutung. Die Moru gelten als überaus friedfertig (Der letzte bekannte von einem Moro begangene Mord wurde angeblich 1958 begangen) und legen großen Wert auf soziales Verhalten und gemeinschaftliches Handeln im Alltag, bei Problembewältigung und bei Festen. Von zentraler Bedeutung für die Moru-Kultur sind ihre Lieder und Tänze, die auch als Konflikte lösende Medien eingesetzt werden.

Die Moru kennen traditionell lediglich eine rudimentäre übergeordnete politische Ordnung, die durch Häuptlinge und andere angesehene Persönlichkeiten mit eingeschränkten Schiedsgerichtsbefugnissen bei der Behandlung von clan-übergreifenden Sachverhalten repräsentiert wird. Die wesentlichen sozialen Entscheidungen werden bei den Moru meist im Rahmen der agnatisch organisierten Clan- und Familienverbände geregelt. Obwohl die Moru zum großen Teil Anhänger der Episkopal-Kirche sind, spielen überlieferte Glaubensaspekte wie Hexenglaube und Regenmacher immer noch eine erhebliche Rolle.

Ihrer friedfertigen Grundeinstellung entsprechend pflegen die Moru herzliche Beziehungen zu allen ihren Nachbarvölkern (Azande, Ngangwara, Pöjulu, Avukaya, Biele und Mundari), die wie die anderen Südsudanesen von den Moru als Brudervölker betrachtet werden. Interethnische Heiraten sind bei den Moru gängige Praxis. Die Unkompliziertheit der Moru im sozialen Umgang wussten während der Kolonialzeit auch die Briten zu schätzen. Sie setzten Moru bevorzugt auf Subalternebene in der Verwaltung ein. Noch heute sind zahlreiche Moru als Polizisten oder Gefängnisbedienstete in ganz Südsudan anzutreffen. Aus den Reihen der als überaus bildungswillig bekannten Moru sind überdurchschnittlich viele Ärzte und sonstige medizinische Fachleute hervorgegangen.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die Geduld der Moru auf eine harte Probe gestellt. Krieg und damit verbundene soziale Verwerfungen führten zu erheblichen Schwierigkeiten für die Moru, die nicht unerhebliche Teile der Moru-Bevölkerung zur Flucht ins Ausland bewegten.

 

Murle

Ethnie in Jonglei mit etwa 300.000 Angehörigen

Außer unter der Eigenbezeichnung „Murle“ („Murele“) ist die Ethnie auch unter der von den Anyuak gebrauchten Bezeichnung „Ajibo“ bekannt. Von Nuer und Dinka werden die Murle häufig „Ber“ oder „Beir“ genannt. Hauptwohngebiet der von den anderen südsudanesischen Ethnien als ausgesprochen kriegerisch angesehenen Murle ist das im Südwesten des State Jonglei nahe der Grenze zu Äthiopien liegende County Pibor. Kleinere Gruppen sind in Äthiopien beheimatet.

Das Land der Murle besteht zum größten Teil aus Grasebenen, in denen von der dortigen, mitunter „Lotilla“ genannten Murle-Subethnie sowohl Feld- wie auch Viehwirtschaft betrieben wird. Die Tiefland-Murle, die die Mehrheit des Murle-Volkes stellen, sind ausgezeichnete Jäger. Die „Ngalam“ genannten Murle der fruchtbaren Hochlandregion Boma Plateau sind fast ausschließlich Ackerbauern, die Mais, Tabak, Sorghum und Kaffee anbauen.Viehhaltung ist auf dem Boma Plateau wegen der hier stark verbreiteten Tse-Tse-Fliege kaum möglich.

Die Kultur der Murle, insbesondere die der Tiefland-Murle, ist zum großen Teil vom Rinderkult bestimmt und in der Ausformung mit der rinderfixierten Kultur der Dinka und Nuer vergleichbar. Nach einer Murle-Mythologie stammt das Volk der Murle ursprünglich aus Äthiopien. Nach einer anderen Überlieferung ist die Ursprungsheimat der Murle-Vorfahren das Gebiet um den Turkana-See gewesen, von wo aus sie als Teil einer Gruppe nach Norden gezogen sein könnten. Diese Gruppe hat sich Überlieferungen nach wegen eines Streits in Didinga, Murle und andere Stämme gespalten. Die enge linguistische Verwandtschaft mit den Murle-Didinga-Sprachen der Didinga und Boya läßt tatsächlich den Schluss zu, dass die Murle vor 200 bis 400 Jahren zusammen mit diesen Gruppen nach Südsudan gekommen sind.

Die Sozialordnung der Murle basiert auf einer Struktur von Bezugsgruppen, wobei dem Netzwerkcharakter der Verwandtschafts- und Schwägerschaftsverbände große Bedeutung beigemessen wird. Kleinste Einheit ist der Haushalt einer Familie, mehrere Haushalte bilden ein kleines Dorf miteinander verwandter Familien. Auf der nächsten Ebene folgen Sub-Clans („Tatok“, „bor“) und Clans („bang“), die wiederum zu vier Trommelgemeinschaften verbunden sind. An der Spitze der Trommelgemeinschaften stehen die hochangesehenen Red Chiefs. Die traditionell animistischen Murle unterscheiden nicht zwischen der realen und der spirituellen Welt. Für sie ist das Wirken ihrer Gottheiten und Geister mit dem allmächtigen Schöpfergott Tammu im Zentrum ihrer Glaubensvorstellungen ständig präsent. Es ist für einen Murle selbstverständlich, in regelmäßigen Abständen zu einem heiligen Ort am Fluss Nyandit zu wandern und dort Opferhandlungen auszuführen.

Die Beziehungen zu den Nachbarvölkern Dinka, Nuer, Toposa, Anyuak und Jie sind insbesondere wegen regelmäßiger Auseinandersetzungen, vor allem im Zusammenhang mit Entführungen und Viehraub, problematisch. Auch führte der Einsatz vieler zwangsrekrutierter Murle für die Streitkräfte der sudanesischen Regierung während des Zweiten Bürgerkriegs zu einer auch nach dem Kriegsende 2005 vereinzelt nachwirkenden Kluft zwischen Teilen des Murle-Volkes und SPLA/M- Kriegsveteranen. Nicht zuletzt durch Einbindung von hochrangigen Murle-Persönlichkeiten wie Sultan Ismael Konyi in die Regierungsarbeit der GoSS wurde versucht, dieses Konfliktpotental abzubauen.

 

Nuer

Zweitgrößte südsudanesische Ethnie

Das zu den Niloten zählende Volk der Nuer umfasst etwa eine Million Menschen, von denen die meisten in Südsudan iin den  Mündungsbereichen des Sobat und des Bahr al Ghazal in den Weißen Nil leben. Etwa 80.000 Nuer leben jenseits der Grenze in Äthiopien. Die Selbstbezeichnung der Nuer ist „Naath“ („Menschen“).

Die Nuer waren wahrscheinlich Ende des 17. Jahrhundert aus von Dürren heimgesuchten Gebieten Südkordofans in das Bahr al Ghazal-Gebiet eingewandert. Im 18. Jahrhundert drangen Nuer-Gruppen in die Region östlich des Nils vor und kamen dabei mit hier lebenden Dinka, Luo und Shilluk in Konflikt. Es kam aber auch zu erheblichen Akkulturations-Prozessen, insbesondere mit den Dinka. Die Dinka- und die Nuer-Kultur weisen zahlreiche Übereinstimmungen auf. Vor allem ist die überragende Rolle von Rindern in fast allen Bereichen des traditionellen Lebens bei Dinka wie bei Nuer bezeichnend. Auch ökonomisch ist die Rinderhaltung von zentraler Bedeutung. Daneben betreiben Nuer Feldwirtschaft und Fischfang.

Wie die Dinka kennen die Nuer keine Zentrallinstanz. Ihre patrilinear aufgebauten Familien-Clans sind politisch segmentär in losen Stammesverbänden organisiert. Die Stammesreligion der Nuer ist auf den allgegenwärtigen Schöpfergott Kwoth ausgerichtet, dem eine Vielzahl von Geistern des Himmels und der Erde zugeordnet ist.

Zu den prominentesten Nuer werden der ehemalige südsudanesische Vizepräsident Riek Machar, der Gouverneur des Bundesstaates Unity, Taban Deng Gai, und der 2012 gestorbene frühere Milizen-Chef und spätere Vize-Kommandeur der SPLA Paulino Matip gezählt

 

Shilluk

Nilotische Ethnie in Nordost-Südsudan

Das nach vorsichtigen Schätzungen etwa  200.000 Menschen zählende nilotische Volk der Shilluk (Schilluk) hat sein Hauptsiedlungsgebiet im Großraum Malakal in Bundesstaat Upper Nile. Die Shilluk, die sich selbst „Chollo“ nennen, leben vor allem als Fischer und Ackerbauern. Sie  betreiben auch Rinderzucht, allerdings nicht in dem gleichen Umfang wie die benachbarten Niloten-Völker der Dinka und Nuer. Shilluk sprechen einer zur Luo-Familie gehörende nilotische Sprache.

Anders als Dinka und Nuer haben die Shilluk einen strikt hierarchischen Gesellschaftsaufbau mit einem König, dem Reth, an der Spitze, entwickelt. Der Reth steht in der Traditions des mythischen ersten Shilluk-Herrscher Nyikang (Nyikango), der um 1450 die Shilluk zu einer Nation vereinigt haben soll. Der Königssitz des Reth befindet in Pachado in der Nähe von Faschoda.

Viele Shilluk tragen als Merkmal ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Volk eine horizontal auf der Stirn verlaufende Linie von hervorstehenden, punktförmigen Narben.

Zu den bekanntesten Shilluk gehören die  Politiker Lam Akol und Pagan Amum.