Regionalautonomie, 1972 – 1983

1971 erklärte sich der politische Arm der Anya-Nya-Bewegung, die von Joseph Lagu gegründete  SSLM (Southern Sudan Liberation Movement),  in der  Situation des militärischen Patts dazu bereit, unter bestimmten Voraussetzungen dem Versuch einer Konfliktlösung auf dem Verhandlungsweg zuzustimmen.

Nach Vorverhandlungen trafen sich schließlich die Delegationen der sudanesischen Regierung (u.a. mit dem Minister für Angelegenheiten des Südens, dem Dinka Abel Alier, und Außenminister Mansour Khalid) und der SSLM (u.a. mit Enoch Madeng de Garang und Lawrence Wol Wol) am 21. Februar 1972 zur Ausarbeitung eines Friedensabkommens in Addis Abeba. Grundlage der am 23. Februar erfolgreich abgeschlossenen Friedensverhandlungen war der von Sudans neuem Präsidenten Numeiri präsentierte Plan der Gewährung von Regionalautonomie für den Süden. Das „Addis Abeba Peace Agreement“ trat am 13. März 1972 in Kraft.  Die drei südlichen Provinzen Equatoria, Upper Nile und Bahr el-Ghazal wurden zu einer autonomen Region mit einem eigenen Parlament („People´s Regional Assembly“) und einer von sudanesischen Präsidenten ernannten Exekutivspitze („High Executive Council““) vereinigt. Es wurde  ferner Religionsfreiheit, Kulturautonomie und Verwendungsbefugnis über alle in der Region erwirtschafteten Steuereinnahmen vereinbart. Die Anya-Nya-Soldaten sollten die Möglichkeit haben, in den Staatsdienst zu treten, insbesondere in dem gemischt aus Nord- und Südsudanesen bestehenden, im Süden stationierten neuen Armee-Verband „Southern Command“.

Die unter dem Motto „Unity in Diversity“  begonnene Umsetzung des Abkommens, dasinsbesondere im afrikanischen  Ausland als Beweis für die Fähigkeit afrikanischerPolitiker zur Konfliktlösung gelobt wurde, erfüllte zunächst manche Hoffnungen. Die Verwaltung des Südens ging zum größten Teil in einheimische Hände über. Hilfsgelder zum Aufbau des Landes aus Khartum und vor allem von ausländischen Hilfsorganisationen flossen reichlich, Südsudanesen bekamen Jobs im Norden, die Flüchtlinge konnten in ihre Heimatgebiete zurückkehren. 1973 wurde Abel Alier nach den ersten Regionalwahlen zum Präsidenten der Southern Sudan Autonomous Region ernannt. Joseph Lagu erhielt den Befehl über das „Southern Command“.

Die wirtschaftliche Rezession verbunden mit der üblichen Bevorzugung des zentralen Niltals durch die Regierung in Khartum zuungunsten der Peripherieregionen ließen die Anfangseuphorie schnell umschlagen. Festgelegte Zahlungen der Zentralverwaltung an die Regionalverwaltung blieben aus oder verzögerten sich, ehrgeizige Industrie- und Landwirtschaftsprojekte scheiterten oder waren unökonomisch. Zahlreiche vom öffentlichen Dienst übernommene ehemalige Anya-Nya-Kämpfer wurden wegen angeblicher oder  tatsächlicher Unfähigkeit entlassen und fühlten sich um die Früchte ihres Kampfes betrogen. Die gerade halbwegs überdeckten Ressentiments gegen die Araber wurden teils berechtigt, teils um von eigenen Versagen abzulenken, wieder laut.

Lagu, ein Madi, der sich als Anwalt der politisch Unzufriedenen darzustellen wusste, benutzte einen  Korruptionsverdacht gegen Alier verbunden mit der Heraufbeschwörung einer amutmaßlich von Alier geförderten Dinka-Hegemonie im Süden, um seinen politischen Rivalen zu diskreditieren. 1978 wurde Lagu zum Präsidenten ernannt, nachdem Numeiri Alier zum Rücktritt aufgefordert hatte. Lagu, selbst bald Bereicherungsvorwürfen ausgesetzt, versuchte sich mit verfassungswidrigen Mittel seiner Kritiker im Parlament zu entledigen  und wurde daraufhin – ebenfalls verfassungswidrig – von Numeiri des Amtes enthoben und durch Peter Gatkuoth ersetzt.  Numeiris ehemals sehr gutes Verhältnis zu Alier, der im Mai 1980 nach  Neuwahlen wieder Regionalpräsident geworden, verschlechterte sich, als Numeiri parallel zur Einführung von autonomen Regionen im Norden 1980 das Weiterbestehen einer geschlossenen Süd-Region für überholt bezeichnete und deren Aufteilung forderte.

Der Konflikt eskalierte und führte 1981 zur verfassungswidrigen Auflösung des Regionalparlaments. Alier wurde im Oktober 1981 von Gismalla Abdalla Rassas abgelöst, dem im Juni 1982 Joseph James Tombura folgte. Der Bruch des Addis-Abeba-Abkommens war einer der Faktoren, der das Land an den Rand des Zweiten Bürgerkriegs brachten. Die anderen Faktoren waren unter anderem das Jonglei-Kanal-Projekt, die Ausbeutung neu entdeckter Erdöllager und vor allem die Einführung der Sharia im Süden.

Der Plan einen Kanal quer durch den Sudd von Jonglei beziehungsweise von Bor nach Molekal zu bauen, war ein alter Plan aus der Kolonialzeit. Ziel war die Verkehrsanbindung des Südens zu verbessern und dem Nil durch teilweise Trockenlegung des Sudd-Sumpfes erhebliche zusätzliche Wassermengen zuzuführen. 1980 wurde mit bundesdeutscher und französischer Beteiligung mit dem Bau begonnen. Das Projekt, das massive Eingriffe in die  Ökologie und die traditionelle lokale Wirtschaftsform zur Folge haben würde, wurde von vielen Südsudanesen als nordsudanesischer Versuch gewertet, dem Land in Bündnis mit dem vom Kanalbau profitierenden Ägypten im wahrsten Sinne des Wortes “das Wasser abzugraben”.

Noch brisanter war die Ölpolitik Numeiris. 1979 waren von der USA-Ölfirma Chevron im Norden von Upper Nile bei Bentiu reiche Ölvorkommen entdeckt worden. Numeiris Plan dieses Gebiet kurzerhand aus der Südregion auszugliedern und es mit Darfur- und Kordofan-Gebieten zu einer neuen “Unity Province” zu legen, führte zu so massiven Protesten, dass dieser Plan wieder aufgegeben wurde. Ebenso heftig wurde der Plan bekämpft, das zu erwartende Öl nicht in einer Raffinerie am Fundort zu verarbeiten, sondern nach Pipelinetransport im Nordsudan. Im Süden wurde der Plan als Zeichen für “economic apartheid”  und als Umgehung des Addis-Abeba-Abkommens gesehen, nach dem die in der Region erwirtschafteten Einnahmen der Region zugute kommen sollten.

Die Ankündigung, abkommenswidrig Einheiten des „Southern Command“ in den Norden zu verlegen, führte am 16. Mai 1983 unter anderem in Bor zur Meuterei von Südeinheiten: Der Zweite Bürgerkrieg hatte begonnen. Eine Woche später wurde die Southern Region in drei Subregionen aufgeteilt.  Am 5. Juni kündigte Numeiri das Addis Abeba Abkommen und erklärte  die Selbstverwaltung des Südens für beendet.

Das schwer angeschlagene Vertrauen der Südsudanesen in die Redlichkeit Numeiris wurde mit der Verkündung der “September Laws”, die u.a. die Allgemeingültigerklärung islamischen Rechts (“Sharia”) im Sudan kodifizierten,  im September 1983 endgültig zerstört. Die “September Laws” hatte Numeiri wahrscheinlich initiiert,  um dem wachsenden Einfluss der 1970 verbotenen und seit 1977 wieder, schließlich eingebettet als Teilorganisation der Staatspartei SSU (Sudanese Socialist Union), zugelassenen Muslim-Brüderschaft Hasan Al-Turabis zu neutralisieren.  Die Ausweitung der Gültigkeit der islamischen Gesetzesanwendung über den bereits seit langem der Sharia unterworfenen Familienrechtskreis sudanesischer Muslime hinaus war bereits 1977 von Numeiri im “Aussöhnungsabkommen” mit seinem alten Rivalen Sadiq Al-Mahdi vereinbart worden. Insbesondere die angekündigte Übernahme von Sharia-Körperstrafen wie Auspeitschen und  Verstümmeln war für viele Südsudanesen trotz der – wenig glaubhaften und tatsächlich in der Praxis auch nicht eingehaltenen  – Versicherung, dass Christen und Animisten von diesen Strafvollzugsarten ausgenommen seien, ein Indiz, dass der Sudan auf dem Weg zu einer islamischen Republik war und bewaffneter Widerstand als einzige Option für Süden übrig geblieben war.